Mehr als Ernährung: Die zentrale Rolle der Diätologie im Gesundheitswesen

Sechs Menschen, sechs Erkrankungen, eine Berufsgruppe. Diätologinnen arbeiten täglich mit Patientinnen, bei denen Ernährung über Lebensqualität entscheidet. Von Intensivstation bis Esstörungstherapie. Und trotzdem kennt sie kaum jemand. Zeit, das zu ändern.

Mehr als Ernährung: Die zentrale Rolle der Diätologie im Gesundheitswesen
Photo by Beyza Yılmaz / Unsplash

Anna ist 23, sie hat ständig Bauchschmerzen, kann kaum noch essen und weiß nicht, wieso. Bernd ist 59. Er hat gerade seinen zweiten Herzinfarkt hinter sich und hat nun die Diagnose Diabetes Mellitus bekommen. Sebastian ist 37 und macht gerade seinen ersten Zyklus Chemotherapie durch. Lisa ist 15. Sie isst seit Monaten kaum noch, weil sie so schreckliche Angst davor hat. Marie ist 29. Sie liegt seit ihrem Autounfall auf der Intensivstation und wird dort über eine Sonde ernährt. Manfred ist 84. Er kann seit seinem Schlaganfall nicht mehr schlucken und verliert immer mehr Gewicht.

Was haben alle diese Personen gemeinsam? Gehen wir weg vom Offensichtlichen. Höchstwahrscheinlich sind alle von ihnen in ärztlicher Behandlung. Wenden wir uns stattdessen an eine unbekannte, aber viel vertretene und unfassbar wichtige Berufsgruppe des Gesundheitswesens: denn alle genannten Personen sind Patient*innen in der Diätologie.

Wird man als Diätolog*in nach dem Beruf gefragt, so ist die Reaktion meist eine der folgenden: “Ah, na mit Diät brauchst du mir nicht kommen!”, “Also Ernährungswissenschaften?” oder “Hab ich noch nie gehört.”. Und das, obwohl die Einsatzgebiete dieser Arbeit sehr breit sind. Wer meint zu wissen, worum es geht, denkt ans Abnehmen, in der Küche stehen und Menschen ihr Lieblingsessen verbieten. Doch die Diätologie umfasst in den drei Jahren Studium die Bereiche Ernährung, Medizin und Kommunikation. Sie ist ein Gesundheitsberuf, in dem nach den höchsten wissenschaftlichen Standards gearbeitet wird.

Diätolog*innen beschäftigen sich hoch spezialisiert mit der Ernährung kranker Menschen. Sie sind, abgesehen von Ärzt*innen, auch die einzige Berufsgruppe, die das gesetzlich darf [1]. Diese Befugnis ist im MTD-Gesetz (BGBl. I Nr. 100/2024) geregelt. Alles, was der Körper an Nahrung zugeführt bekommt, hat eine mehr oder weniger große Wirkung auf ihn. Genau das wird sich in der Diätologie zunutze gemacht.

Diätolog*innen sind in Krankenhäusern, Rehazentren, Pflegeheimen, Primärversorgungszentren oder freiberuflich tätig. Sie sorgen tagtäglich dafür, dass schwer kranke Menschen weiterhin Lebensqualität haben, körperliche Beschwerden reduziert werden und sie trotz Einschränkungen gut mit Nährstoffen versorgt bleiben. Es geht meist nicht um Gewicht. Es geht darum, dass jede Person einzigartige Bedürfnisse in ihrer Ernährung hat, die für jede Lebenssituation gesondert betrachtet und angepasst werden müssen. Die Ernährungstherapie ist dabei kein nettes Zusatzangebot, sondern ein medizinisch notwendiger Bestandteil der Behandlung, genauso wie Medikamente oder physiotherapeutische Maßnahmen.

Nehmen wir Anna: Bei ihr könnte eine Unverträglichkeit, ein Reizdarm oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn dahinterstecken. Die Diätologin arbeitet eng mit der behandelnden Ärztin zusammen. Sie analysiert den Alltag der Patientin, Laborbefunde und Ernährungsprotokolle, identifiziert Auslöser und entwickelt daraus einen individuelle, evidenzbasierte Ernährungsstrategie.

Bei Bernd hingegen steht die Frage im Vordergrund, wie Ernährung das kardiovaskuläre Risiko senken und gleichzeitig den Blutzucker regulieren kann, damit seine Familie noch möglichst lang was von ihm hat.Und bei Sebastian, der gerade Chemotherapie bekommt, geht es darum, trotz Übelkeit und verändertem Geschmacksempfinden ausreichend Nährstoffe aufzunehmen. Denn Unterernährung während einer Krebstherapie verschlechtert nachweislich die Prognose und die Verträglichkeit der Behandlung.

Lisa wiederum braucht jemanden, der nicht einfach einen Speiseplan hinlegt und geht. Esstörungen sind komplexe psychische Erkrankungen. Diätolog*innen arbeiten hier als Teil eines multiprofessionellen Teams, gemeinsam mit Psychiater*innen, Psycholog*innen und Ärzt*innen. Es geht darum, behutsam eine gesunde Beziehung zum Essen aufzubauen und den Körper wieder mit ausreichend Energie zu versorgen, ohne die Autonomie der Betroffenen aus den Augen zu verlieren.

Marie auf der Intensivstation bekommt über eine Magensonde genau berechnete Nährstoffmengen zugeführt: Kalorien, Proteine, Mikronährstoffe, alles auf ihren aktuellen Zustand und ihren Stoffwechsel abgestimmt.

Und bei Manfred, der nach seinem Schlaganfall nicht mehr schlucken kann, ist Dysphagie-Management gefragt: angepasste Konsistenzen, hochkalorische Produkte, manchmal auch die Entscheidung für oder gegen künstliche Ernährung.

Sechs Menschen, sechs völlig unterschiedliche Situationen, und doch bräuchten sie alle dieselbe Berufsgruppe. Das ist Diätologie.

Und was ist mit dir?

Vielleicht liest du das gerade und denkst: „Ich bin ja nicht so krank.“ Aber die Schwelle ist niedriger, als viele denken. Diätolog*innen behandeln nicht nur Menschen mit schweren Erkrankungen. Auch wer erhöhte Cholesterinwerte hat, an Eisenmangel leidet, immer wieder Verdauungsprobleme hat oder weiß, dass in der Familie Diabetes vorkommt, kann von einer Ernährungstherapie profitieren. Genau das ist der Unterschied zur allgemeinen Ernährungsberatung: Diätolog*innen arbeiten mit Menschen, bei denen Ernährung eine medizinische Rolle spielt.

Wer wegen einer Erkrankung zu einer freiberuflichen Diätologin oder einem freiberuflichen Diätologen möchte, braucht dafür eine ärztliche Überweisung. Das klingt nach Hürde, ist aber in der Praxis meist unkompliziert. Wer mit einem bestehenden gesundheitlichen Problem zur Hausarztpraxis geht, bekommt die Überweisung in der Regel ohne großen Aufwand. Und dann ist die Beratung individuell, evidenzbasiert und auf die persönliche Situation zugeschnitten. Das ist kein Vergleich zu generischen Informationen von Social Media.

In einer Zeit, in der jede zweite Person im Internet Ernährungsexpert*in ist, ist das vielleicht das Wichtigste, was man über Diätolog*innen wissen sollte: Sie bieten weit mehr, als der Influencer, dem du seit kurzem folgst oder der nett gemeinte Ernährungstipp vom Hausarzt. Sie sind hochspezialisierte Expert*innen auf ihrem Gebiet und sehen das große Ganze. Nicht nur eine Diagnose, nicht nur Laborwerte oder Gewicht auf der Waage. Sie sehen den Menschen in seiner gesamten Individualität. 

Bildquellen, Literatur

[1] Diaetologie Austria – Verband der Diaetolog*innen Österreichs, "Gesetzliche Grundlagen," diaetologie.at. [Online]. Available: https://diaetologie.at/diaetologie/gesetzliche-grundlagen/. [Accessed: 30-Mar-2026].


Vorstellung der Autorin

Katja Weinhold BSc - Diätologin 

Katja Weinhold ist 24 Jahre alt und Diätologin aus echtem Herzblut. Seit dem Abschluss ihres Studiums an der University of Applied Sciences in St. Pölten, wo sie ihre Begeisterung für das Gesundheitswesen und gutes Essen unter einen Hut bringen konnte, ist sie heute selbstständig in ihrer Praxis im 13. Wiener Bezirk tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Stoffwechsel und Gastroenterologie, also genau dort, wo Ernährung fast jede*n betrifft und besonders viel bewegen kann.

Was sie antreibt? Die Überzeugung, dass man mit dem, was man isst, erstaunlich viel erreichen kann. Und: die Freude daran, das gemeinsam mit ihren Patient*innen herauszufinden. Dabei arbeitet sie evidenzbasiert, individuell und immer mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Neugierig geworden? Mehr über Katjas Arbeit findest du auf ihrer Website www.diaetologie-weinhold.com oder auf Instagram @diaetologieweinhold.

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By Thomas Schweinhammer, Regina Krimmel-Mairinger